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Reportage - Oktober 2001 - Bietigheimer Zeitung -

Fritz kann's kaum erwarten...

Immer wieder späht er zur Stalltüre und grunzt freundlich. So lange, bis das Schloss aufspringt und Felicia Ruhland herein kommt.

In der einen Hand hält sie ein paar Trauben, in der anderen eine Bürste. 300 Kilogramm erheben sich gemächlich vom weichen Strohboden und trotten ihr entgegen. Fritz ist kein Frühaufsteher, doch für frisches Obst tut er alles. Vorsichtig frisst er seinem „Frauchen” aus der Hand. Dann kehrt er zurück an seinen Schlafplatz und streckt ihm seinen dicken Bauch entgegen. Felicia Ruhland schmunzelt. Sie weiß, was er sich jetzt wünscht: eine Bürstenmassage. Fritz ist ein acht Jahre altes Hausschwein. Noch vor einigen Jahren machte er Kunststückchen in einem Zirkus - heute ist er der Liebling aller im Illinger Tier- und Gnadenhof des animal hope e.V.. Der hat ihn aufgenommen, nachdem Fritz keine Lust mehr auf Show und Publikum hatte und deshalb zum Schlachter sollte. Mit ihm beherbergt der sehr idyllisch gelegene Hof zwischen Illingen und Roßwag acht Pferde, vier Ponys, zwei chinesische Hängebauchschweine, einen Wildschweinmischling, ein Hausschwein, zwei Waschbären, über 30 Hunde und genau so viele Katzen. Die tierischen Bewohner teilen nicht nur das Asyl, sondern auch ihr Schicksal miteinander: Bevor sie vom Gnadenhof aufgenommen wurden, sind sie wegen schlechter Haltung von Behörden beschlagnahmt, von Vergnügungsparks und Zirkussen abgegeben oder vor dem Schlachter gerettet worden. In Illingen dürfen sie - sofern das möglich ist – ihren Bedürfnissen nachgehen, bis sie eines natürlichen Todes sterben. Damit die Zahl der Tiere nicht steigt, werden einige von ihnen in gute Hände weitervermittelt.

Susi erinnert an einen Hund. Nähert sich dem kugelrunden Hängebauchschwein ein Besucher, wedelt es mit dem kleinen Ringelschwanz und betrachtet neugierig das fremde Gesicht. „Sie ist zu uns gekommen, als ein Rentnerehepaar sie nicht mehr versorgen konnte”, erzählt Felicia Ruhland, „Zum Glück konnten wir ihre acht Babys in gute Hände vermitteln.”

Der Tier- und Gnadenhof hat sich in Illingen etabliert. 1999 pachtete Felicia Ruhland den Hof eines ehemaligen Landwirtes und verwirklichten damit einen Traum: Tieren in Not zu helfen, sie zu beschützen und ihnen ein schöneres Leben zu ermöglichen. Die 31-Jährige ist mit Tieren und der Natur aufgewachsen. Schon im Alter von sechs Jahren hatte sie ein eigenes Pony, später baute sie eine Tierpension in Pforzheim auf. Jeden Tag ist die gelernte Gärtnerin schon früh auf den Beinen. Auch heute. Nach dem Aufstehen versorgt sie die Töchter Lisa (10) und Riana (1), empfängt ehrenamtliche Helfer und macht sich mit ihnen an die oft knochenharte Arbeit. Längst sind Caro und Dagmar Freundinnen von Felicia Ruhland geworden. Die beiden kommen - gemeinsam mit acht weiteren Tierfreunden - fast täglich zum Ausmisten und Füttern vorbei und helfen auch mal bei der Kinderbetreuung. „Wir sind wie eine kleine Familie”, sagen sie fröhlich. 9 Uhr morgens: Der Tier- und Gnadenhof erwacht langsam. Lautes Bellen ist aus den Hundezwingern zu hören. Die Vierbeiner - vom Spitz bis zum Hütehund - wissen schon, was jetzt kommt. Sie dürfen unter Aufsicht über die angrenzenden Felder rennen. Wenn sie zurück kommen, sind die Zwinger geputzt und das Futter steht bereit. Nelly freut sich und rast wie ein aufgescheuchtes Huhn herum. Für die Australian-Sheppeared-Hündin wurde lange Zeit dringend eine neue Familie gesucht. „Sie war trächtig und völlig ausgehungert, als sie zu uns kam”, erzählt Felicia Ruhland, „wir konnten sie vermitteln, doch leider musste sie bereits nach einem halben Jahr wieder zu uns zurück. Ihre Besitzer hatten sich getrennt. Sie hat tagelang geheult. Doch dann kam eine neue Familie.”

Das Team setzt den gemeinsamen Rundgang fort. Im Katzenhaus, das wie ein Wohnzimmer eingerichtet ist, warten hungrige Samtpfoten, und auch im Pferdestall sind alle putzmunter. Pascha, mit 36 Jahren der älteste im Bunde, hebt den Kopf und erscheint am Gatter. Der große Schwarze hatte bei seinem früheren Besitzer kaum eine Bewegungsmöglichkeit, stand fast nur in der Box und magerte stark ab. Auf dem Hof in Illingen wird er deshalb um so mehr verwöhnt. Vaju, der hier geboren wurde, versucht, Aufmerksamkeit zu erregen. Der anderthalbjährige temperamentvolle Welsch-Araber stubst Felicia Ruhland immer wieder mit der Nase an. Acht Pferde leben in dem modernen Offenstall zusammen. Jedes einzelne kann selbst entscheiden, ob es auf der Koppel toben oder es sich im Stall gemütlich machen möchte.

Ähnlich bei den Ponys: Die vier flinken Huftiere haben jede Menge Platz zur Verfügung und dürfen fast täglich auf die Weide. Piccolino lässt sich zur Begrüßung die Mähne kraulen. Das schwarze, 34 Jahre alte Pony erblindete, nachdem es Jahre lang angebunden in einem finsteren Stall gestanden hatte - ohne Kontakt zur Außenwelt. „Die Nachbarn des früheren Besitzers wussten nicht mal, dass es dieses Tier gibt. Es wurde nur durch Zufall entdeckt”, erzählt Felicia Ruhland und gibt Piccolino ein Küsschen. Ruhig geht es an diesem Vormittag im Gehege der beiden Waschbären zu. Die Tiere haben sich in ihrer Höhle verkrochen und dösen. Doch als sie Die Stimme der „Herbergsmutter” hören, kommen sie nach draußen und begrüßen sie. Billy lässt sich sogar von ihr auf den Arm nehmen. Er ist menschliche Zuwendung gewohnt. Lange Zeit lebte er im Garten einer Familie und landete schließlich als „Scheidungswaise” in Illingen. Auf dem Tier- und Gnadenhof leistet ihm nun Sunny Gesellschaft. Die Bärin hauste in einem Glaskasten inmitten eines Restaurants - ohne Rückzugsmöglichkeit - und kam schwerkrank und verwurmt auf dem Gnadenhof an.

Die Arbeit kostet Felicia Ruhland neben viel Zeit auch viel Geld. Zur Pacht kommen hohe Tierarzt- und Hufschmiedkosten, und auch Futter und Wasser verschlingen einiges. Jeden Tag werden mindestens acht Ballen Heu und fast einhundert Kilogramm Futter benötigt.

In der Aufbauphase wurde der Hof von größeren Tierschutzvereinen finanziell unterstützt, doch diese Förderung lief aus. „Seit Anfang dieses Jahres sind wir fast auf uns alleine gestellt”, klagen die Illinger Tierfreunde, die mittlerweile selbst einen Verein gegründet haben. animal hope e.V. will neben Mitgliedschaften auch Patenschaften vermitteln. „Wir möchten Tierschutz zum Anfassen bieten”, erklärt Felicia Ruhland. „Jeder ist bei uns willkommen, kann 'sein' Tier besuchen, so oft er möchte, und sich mit eigenen Augen von unserer Arbeit überzeugen. Egal, was passiert, wir werden weitermachen! Der Hof ist ein Teil von uns, wir tragen für jedes einzelne Tier die Verantwortung.”

Nicht nur für Geld-, auch für Sachspenden ist man in Illingen dankbar. Ob Kuscheldecke oder Kauknochen: Alles wird gebraucht - und zwar in Massen. „Wir hoffen auf ein Wunder”, sagt Felicia Ruhland. Ihr größter Wunsch ist es, irgendwann ohne Existenzangst leben zu können.


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